Mühlengeschichten

Mühlenspuksage

Ich könnte schwören, dass diese Geschichte wahr ist. Ich habe sie mit meinen eigenen Ohren gehört, damals Mitte der 90-er Jahre an einem der Sommerabende am Mühlenlagerfeuer von irgendeinem der alteingesessenen Mühlenmitglieder:

In Vorbereitung einer ersten Ausstellung zur Geschichte der Mühle schleppte jemand aus dem Fundus einer aufgelösten Schule die Reste eines Skelettmodells an, einen Arm oder einen Fuß. Dieser sollte mangels eigener authentischer Mühlenexponate die Zeit der Knochenmühle illustrieren.

Diese mühlengeschichtliche Exposition im Jahr 1992 war sehr gut besucht und bot den Eberswaldern einen ersten Einblick in die spannende und wechselvolle Geschichte der über 200 Jahre alten Zainhammermühle. Wie gesagt, die Mühlenaktivisten fanden nur noch wenige Originalteile vor, ein paar alte Zahnräder der Turbine, Reste der Elektroanlage, einige Balken, ein hölzernes Verkaufsschild. Wer hätte vorhersehen können, dass ausgerechnet ein langweiliges Anschauungsstück aus dem Biologieunterricht bei einer Besucherin lang verschüttete Emotionen freizulegen vermochte. Denn eine alte Dame, die angeblich von weither angereist kam, soll beim Besuch der Mühle völlig aus der Fassung geraten sein, als sie die künstlichen Knochen in einer Ecke des Ausstellungsraumes liegen sah. Immer wieder stammelte sie: „Die haben meinen Willi gefunden, die haben meinen Willi gefunden …“ Diese Witwe muss der festen Überzeugung gewesen sein, dass bei den Aufräumarbeiten in der Mühle ihr in den Wirren des zweiten Weltkrieges verschollener Mann ausgegraben wurde.

Als gewissenhafter Chronist der Mühlenhistorie wollte ich kürzlich noch genauere Details über jenes denkwürdige Ereignis aus den Vereinsmitgliedern der ersten Stunde herauszukitzeln, aber kaum jemand konnte oder wollte sich an diese Geschichte erinnern.

Reinhard Wienke