Mühlengeschichten

Hilfe in der Not

Was würden Sie tun, wenn wildfremde Ausländer an ihrer Tür Einlass begehren und beharrlich versuchen Ihnen einen Umschlag mit Geld zuzuschieben? Genau. Sie würden erst einmal die Polizei rufen oder den psychiatrischen Notdienst.
Glücklicherweise sind wir Abgesandten der Mühle am 8. März 1998 in Wroclaw noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Diese Geschichte muss erzählt werden:
Als im Sommer 1997 ein Jahrhunderthochwasser vielen Menschen an Oder und Weichsel ihr Hab und Gut zerstörte, war die Anteilnahme groß und auch im Mühlenverein wurde schnell eine Hilfsaktion beschlossen: Wir organisieren eine Versteigerung“ Künstlergut gegen Oderflut“. Die Vorbereitung und Durchführung beanspruchte unsere ganze Aufmerksamkeit. Erst als wir überglücklich mit dem phantastischen Erlös von 4000 DM zur Besinnung kamen, stellten wir uns die Frage, was machen wir denn jetzt damit? Es dauerte eine ganze Weile, bis wir über verschlungene Kanäle die Adressen von zwei polnischen Künstlern aus Wroclaw erhielten, die Opfer des Hochwassers waren. Der Leiter des Eberswalder Fotozirkels Andreas Mroß, der Delmenhorster Fotograf Horst Reising, Andreas Bogdain und Ich erklärten sich bereit, die Spende persönlich zu übergeben. Was soll schon schief gehen, die Adresse steht ja auf dem Zettel. Und man war schließlich schon oftmals in polnischen Landen zum Tanken unterwegs. Dumm war nur, dass niemand von uns die Feinheiten der polnischen Sprache beherrscht. Hatten wir überhaupt einen Stadtplan dabei? In der festen Überzeugung, man warte schon auf uns, fuhren wir aufs Geratewohl los. Dass wir bei dieser Fahrt ins Blaue nicht auch unser Blaues Wunder erleben mussten, ist mir heute noch ein Rätsel. Einiges kann man dem Zeitungsartikel entnehmen. Ich erzähle nur, was dort aus Scham nicht geschrieben steht.
Die erste Hürde meisterten wir mit Hilfe eines genialen Tricks: Da es aussichtslos war, die Adresse selbstständig zu finden, mieteten wir ein Taxi ( WoW 3555), drückten dem Fahrer den Zettel mit der gesuchten Adresse in die Hand und fuhren dem ortskundigen Fahrzeugführer einfach hinterher. Es dauerte dennoch geraume Zeit, denn der Straßenname war nicht eindeutig: Wohnte einer der Gesuchten nun in der Uliza CTRACHOWIENZKA oder in der CTRACHOZCIENSKA? Es war wohl gar nicht so einfach, weder die eine noch die andere Straße zu finden, selbst für Einheimisch.
Auch die zweite Hürde wurde genommen. Dem nichts ahnenden Fotografen Alek Figura, dessen komplettes Bildmaterial und damit sein bisheriges Schaffen durch das Hochwasser vernichtet wurde, konnte nichts mehr schocken. Er bewahrte die Contenance und holte erst einmal einen Bekannten, der deutsch sprach, zu Hilfe. Wir wurden endlich die für ihn bestimmten 2500 DM los, knipsten ein Foto für die Presse und verabschiedeten uns. Ich glaube, den zweiten Künstler, einen Bildhauer, trafen wir nicht an. Das Geld von 1500 DM wurde für ihn hinterlegt.
Das war allerdings noch nicht das Ende der Geschichte. Denn in der Wroclawer Lokalzeitung wurde in einem großen Artikel über die Hilfsaktion der Mühle berichtet. Mit einem fatalen Fehler. Aus der wohl nicht sehr sensationellen Spende von über 2 Tausend DM an Alek Figura wurden 20 Tausend DM gemacht. Den Neid der Berufskollegen kann man sich vorstellen. Die einzeilige Richtigstellung dürfte kaum jemand gelesen haben.

Reinhard Wienke