Mühlengeschichte

Erstes Leben: Der Eisenhammer 1779–1824

Bild 1: David Schickler

Das erste Leben der Zainhammermühle begann 1779 als Eisenhammer. David Schickler (* 2. September 1755 in Berlin, † 3. März 1818 in Eberswalde 3, Bild 1), ein Enkel Splitgerbers und gerade 25 Jahre alt, wagte hier einen Neuanfang mit der Produktion von Zaineisen. Der Name Zain stammt laut Rudolf Schmidt vom Ausziehen glühender Eisenstücke zu dünnen Stahlstangen. Abnehmer des Schmiedeeisens waren die Messerschmiede in der Eisen- und Stahlwarenfabrik in der Vorstadt (heute Ruhlaer und Schicklerstraße), kurz „Fabrik“ genannt. Diese Handwerker und ihre Familien aus Thüringen und dem Rheinland hatte Friedrich II. bereits 1743 hier angesiedelt.

Der Eisenhammer umfasste damals ein Hammergebäude, ein Magazin für Materialien und ein Wohngebäude für Arbeiter. Im Hammergebäude befanden sich ein Stab- und ein Zainhammer, eine Esse (Frischfeuer) sowie ein Blasebalg. Die durch den Damm vor der Mühle auf etwa 2½ m Höhe angestaute Schwärze trieb mittels dreier oberschlächtiger Wasserräder die genannten Schwanzhämmer und den Blasebalg an.

Bild 2: Arbeitsschritt Frischen

Der erste ­Arbeitsschritt der Zainherstellung hieß Frischen (Bild 2). Ziel war es, den im Roheisen enthaltenen Kohlenstoff durch Glühen im Holzkohlefeuer bei Zufuhr von frischer Luft zu verringern. Die glühenden Eisenstücke übernahm anschließend der Stabschmied, der sie unter dem größeren Stabhammer solange ausschmiedete, bis alle Schlacketeile ausgepresst und abgeplatzt waren (Blid 3). In handliche Stücke zerteilt wurden das Eisen im Feuer unter der Esse wieder erwärmt und unter dem kleineren, schnell gehenden Zainhammer fertig konfektioniert. Indem der Zainschmied das glühende Werkstück wiederholt platt klopfte, faltete und feuerverschweißte entstand der 2–3 m lange, im Querschnitt etwa 1¼ × 1¼ cm messende Zain, der eine Beule neben der anderen hatte.

Bild 3: Eisenhammer

Mit der Einführung der Gewerbefreiheit gelangten seit 1810 die besseren und preiswerteren Eisenwaren der Grafschaft Mark nach Osten. Die Eberswalder „Fabrik“ blieb auf ihren Messern sitzen. Zwischen 1807 und 1821 hatte sich die Zahl der Meister, Gesellen und Lehrburschen auf die Hälfte reduziert. Verbliebene Meister kauften Zaine auf dem freien Markt. Der Merkantilismus – eine durch den Absolutismus geprägte Wirtschaftspolitik, die auf staatliche Lenkung, Förderung desExports von Fertigwaren und Beschränkung desImports von Rohstoffe setzte – hatte ausgedient, Zünfte waren obsolet und der Zainhammer wurde nicht mehr gebraucht. Damit endete 1824 auch das erste Leben der Zainhammermühle.

Zweites Leben: Die Knochenmühle 1824–1868

Bild 4: Knochenstampfe

Ab 1824 verarbeitete unsere Mühle Tierknochen zu Düngermehl für die Landwirtschaft und zu Knochenkohle als Filter für die Zuckerfabriken. Die Rohstoffe für das nun „Knochen-Kohlen & Dungmehl-Fabrik“ genannte Unternehmen stammten aus Polen, Dänemark und Schweden.

Im ersten Arbeitsschritt zerkleinerte man die Knochen grob in einer von der Schwärze angetriebenen Knochenstampfe (Bild 4). Für Knochenmehl mahlte man die Bruchstücke im Mahlstuhl ähnlich einer Kornmühle. Das ergab einen guten Phosphor-Kalzium-Dünger. Oder man brannte die Knochen in abgedichteten gusseisernen Töpfen im Brennofen ähnlich einem Ziegelbrennofen. Hierbei verdampften die organischen Bestandteile der Knochen (Pyrolyse). Übrig blieb dessen anorganische, schwammartige Matrix. Auf ihrer großen inneren, mit Kohlenstoff ausgekleideten Oberfläche beruhte die Filterwirkung. Die abgekühlten Kohlestücke mahlte man schließlich zu Pulver – Knochenkohle, Spodium oder Beinschwarz genannt.

Bild 5: Neuer Brennofen

Um den steigenden Bedarf an Filterkohle zu befriedigen, investierte das Schicklerschen Handelshaus 1845 in einen neuen Knochenbrennofen (Bild 5). Im neuen, drei Stockwerke hohen Brenn­ofen wurden die Knochen nicht in Töpfen verkohlt, sondern in senkrecht angeordneten Brennröhren. Der Ofen konnte oben kontinuierlich beschickt und unten entleert werden, ohne dass man dafür den Brennprozess unterbrechen musste. Außerdem konnte man oben die Dämpfe der Pyrolyse abfangen und darin enthaltene Öle, Teer und Ammoniak gewinnen. 1850 wurde die Betriebsarche mit den Wasserrädern wurde mit einem Anbau überdacht. Dieser Anbau wurde später als „alte Salmiakfabrik“ bezeichnet! Daneben, im Erdgeschoss standen zwei Mahlstühle und die Knochenstampfe. In der Mitte des inzwischen auf 42 m Länge und 3 Etagen angewachsenen Fabrikgebäudes befand sich der Brenn­ofen. Dazwischen lag das Magazin. Über der Mühle und dem Magazin sowie in der 3. Etage konnten auf ca. 750 m2 Fläche Knochen zum Trocknen gelagert werden. Am Brennofen gab es Werkräume, und eine Treppe verband alle Etagen.

Bild 6: Zainhammermuehle 1866

Die Produktion von Düngermehl und Filterkohle war gewinnbringend aber umweltschädlich. Am 24. Oktober 1866 zerstörte ein Feuer die Zainhammermühle, wobei der Arbeiter Kulicke ums Leben kam (Bild 6). Vermutlich um die großen Vorräte an Knochen zu verbrauchen, wurde in einer „interimistischen Fabrik“ bis 1867 weiter produziert. In einer Zeichnung vom 5. Januar 1867 ist die Fabrik auf den Grundriss der alten Mühle beschränkt. Die Wasserturbine, der Brennofen und ein kleiner Trockenofen auf dem Fundament des Dampfkessels sind ebenfalls eingezeichnet. Das zweite Leben der Zainhammermühle endete am 15. Februar 1868 mit dem Kauf durch Mühlenmeister Eduard Wolff.

Drittes Leben: Die Getreidemühle 1868-1957

Bild 7: Zainhammer 1881

Wolff hatte jedoch kein Glück mit seiner Mühle. Nach Zuschlagsurteil vom 20. Februar 1878 erwarb Fritz Lorenz sen. die Zainhammermühle (Bild 7). Fritz Lorenz jun. (* 23. Dezember 1868, † 26. April 1954) kaufte 1903 für 120 000 M die Mühle vom Vater. In der Folgezeit modernisierte er seine Mühle ständig. Zunächst wurde 1911 das Dach der Mühle um 1,60 m gehoben. Vor dieser Baumaßnahme war das Obergeschoss nur 2 m hoch und diente der Lagerung von Korn und Mehl. Danach konnten in dem nun 3,6 m hohen Raum Maschinen installiert werden. Der schöne hohe Raum dient uns heute als Atelier und Konzertsaal. Gleichzeitig wurde im Nebenhaus gebaut und ein Abort nahe der Schwärze errichtet. Wohnanbau und Nebenhaus waren durch ein 9,2 m langes Schutzdach verbunden. Weil nun Lagerplatz unterm Dach fehlte, beantragte Lorenz jun.1912 den Bau des dreistöckigen Speichergebäudes an der Nordseite der alten Mühle, wo sich einst die Salmiakfabrik befand. Der Anbau wurde 8,4 m breit, 17,2 m lang und mit 3 Etagen 10 m hoch. Damit verdoppelte sich die Grundfläche der Mühle. Währen der Sanierung zum Künstlerdomizil in den 2000er Jahren, bauten wir hier ein Treppenhaus ein, welches heute eine Ausstellung zur Geschichte der Mühle zeigt.

Bild 8: Rekonstruktion der Aussattung

1920 errichtete er eine Wagenremise an der Nordseite des Wohnanbaus. Ab 1921 veränderte Fritz Lorenz jun. an der Mühle Fenster, Türen, Wände und Fußboden der alten Mühle. So schaffte Lorenz jun. Platz für neue Mahlstühle, Antriebsmaschinen und ein dreietagiges Silo. Ebenfalls 1921 wurde eine Francis-Turbine mit 20 PS Leistung eingebaut. Bis auf das bei der Sanierung des Wehrs 1996 leider verschüttete Einlaufbauwerk vor der Turbine und zwei erneuerte Wehren sieht die Anlage noch heute so aus. Im Jahr 1935 plante er eine neue Einrichtung durch die Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt, vormals A. Wetzig, Wittenberg. Unklar ist, ob die Firma tatsächlich am Zainhammer gebaut hat. Anhand des im Deutschen Technikmuseum in Berlin vorgefundenen Mühlendiagramms und einer Spurensuche 2023 rekonstruierte Mühlenbauer Jürgen Wolf die technische Ausstattung (Bild 8). Sie wird in Dokumenten der Nachkriegszeit sehr ähnlich beschrieben, kommt also der realen Situation recht nahe.

Bild 9: Emil Krämer mit sowjetischen Soldaten

In der NS-Zeit unterstützte Lorenz jun. die NSDAP mit Geld, und während des 2. Weltkriegs beschäftigte er Zwangsarbeiter. Am 26. April 1954 starb er durch eigene Hand. Ein Enteignungsverfahren gegen die Mühlenbesitzer stellte jedoch geringe Schuld fest. So erhielten am 2. August 1946 die Erben Else Lorenz (* 26. Dezember 1875 in Berlin), Henriette Kirstein (* 13. Mai 1909 in Eberswalde) und Dr. Sofie Lorenz (* 10. August 1912 in Eberswalde, † 1974) die Mühle zurück. Inzwischen führte Emil Krämer (* 21. September 1911 in Köln-Stammheim) die Mühle als treuhänderischer Betriebsleiter. Mit großem Engagement und viel Geschick sicherte er in der Nachkriegszeit die Brotversorgung der Eberswalder und stabilisierte den Betrieb (Bild 9). Im Laufe der Zeit konnte Emil die Produktion sogar auf 10 t pro Tag erweitern. Er plante eine Grießputzmaschine und einen Doppelwalzenstuhl anzuschaffen. Angetrieben wurden die Maschinen durch einen 30 PS starken
Elektromotor.

Bild 10: Mühle im Winter von Nordost 1953

Während der hastigen und rücksichtslosen Verstaatlichung von Privateigentum an Produktionsmitteln in der DDR unterstellte man auch der Zainhammermühle Steuerschulden. Fritz Krämer und Sofie Lorenz wurden verhaftet und kamen in Untersuchungshaft im Gefängnis Kupferhammer. Sie wurden jedoch am 17. Juni 1953 rehabilitiert und entlassen (Bild 10). Die ständige Angst vor weiteren Unterstellungen veranlassten Krämer, der sehr an der Mühle hing, über Berlin in die BRD zu fliehen. Da nun ein fachlich versierter Betriebsleiter fehlte, waren die Tage der Getreidemühle gezählt. Müller Erich Preis arbeitete noch bis zum 31. Dezember 1955 in der Zainhammermühle. Das dritte Leben der Mühle endete 1957 schlagartig, nachdem Herr Siekmann und Frau Dr. Sofie Lorenz-Siekmann nach Westdeutschland gegangen waren.

Bilder

Bild 1: David Schickler. - In: Lenz, F. & Unholtz, O. 1912: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler. Festschrift zum 200jährigen Bestehen. – G. Reimer, Berlin – 94 S.
Bild 2: Letztes oberschlesisches Luppenfeuer zu Tworock (Graf Colonna) 1796. - In: Simmersbach, O. 1911: Die Begründung der oberschlesischen Eisenindustrie unter Preussens Königen. Festrede anlässlich des Geburtstages Sr. Maj. Des Kaisers Wilhelm II., gehalten am 26. Januar 1911 in der Aula der Kgl. Technischen Hochschule zu Breslau. – Sammlung Berg und Hüttenmännischer Abhandlungen – 74 – 41 S.
Bild 3: Klementine Noll-Prenger: Eisenhammer (Hammerschmiede Mall in Brück an der Ahr). – Zeichnung – Städel Museum, Frankfurt am Main.
Bild 4: Mühli-Willi. In: Brefin, M. 1971: Die Knochenstampfe von Uttingen (BE). – Schweiz. Gesellsch. f. Volkskunde, Reihe: Sterbende Berufe (25).
Bild 5: Zeichnung des neu errichteten Brennofens. – Quelle: Landkreis Barnim, Kreisarchiv #218 – Foto: Hans-Jörg Rafalski, Bearbeitung: Eckhard Groll.
Bild 6: Zainhammer Knochenmühle vor dem Brand am 24.10.1866. – Quelle: P.01.04.95 Kreisarchiv, Landkreis Barnim – Foto: Thomas Burckhard.

Bild 7: Zainhammermühle 1881. - Sammlung Museum Eberswalde.
Bild 8: Wolf, Jürgen (2024a): Zainhammermühle Eberswalde. Eine ungewöhnlich vielseitige Geschichte. - Mühlennachrichten aus Berlin Brandenburg, Potsdam.

Bild 9: Emil Krämer vor der Mühle mit sowjetischen Soldaten. - Fotoalbum Emil und Cläre Krämer.

Bild 10: Mühle von Nordost 1953. - Fotoalbum Frau Pehlke.